Witten gegen Verschwörungswahn“ setzte sich am Wochenende schon einmal für die Verteidigung Wittens Vielfalt ein: Wer in die Ruhrstadt hineinfährt, wird künftig wieder deutlich sichtbar von dem Slogan „Witten hat keinen Platz für Rassismus“ empfangen. So werden die Besucher des „1. Alternativen Wissenskongress NRW“ nächsten Sonntag direkt unmissverständlich empfangen.

Aktive unseres Bündnisses putzen die Stadt für die Besucher des AWK am 22.3. heraus
Aktive unseres Bündnisses putzen die Stadt für den Besuch am 22.3. heraus
Die Schilder an Wittens Ortseingangsstraßen waren über die letzten Jahren teils ziemlich dreckig geworden. Am Samstag zogen acht Bündnismitglieder durch Witten und säuberten alle ihnen bekannten Schilder. Mit heißem Wasser, Lappen und Handschuhen nahmen sie sich dem braunen Dreck an. Die Säuberung war dringend überfällig: Eine Schicht von Autoabgasen, altem Pollen und sonstigem Schmutz überzog die Schriftzüge.

Vorher - Mittendrin - Nachher-Bild der Putzaktion
Die Gäste des AWK sollen das Schild gut lesen können.
Mit seiner Aktion hat sich das Bündnis auf die letzte Woche vor dem „„Alternativen Wissenskongress““ im Wittener Saalbau vorbereitet. Und zumindest das Stadtbild ist nun schon einmal für das kommende Wochenende bereit –dann möchte das Bündnis gemeinsam mit vielen Wittener Bürgern in der Innenstadt demonstrieren. Ziel ist eine Kundgebung vor dem Saalbau, wo an diesem Tag rechtspopulistischen Redner in einer geschlossenen Veranstaltung ihre verschwörungstheoretischen Thesen verbreiten.

Weitere Termine in den nächsten Tagen:

  • 20. März, 19:30 Uhr: Der Alternative Alternative Wissenskongress oder kurz Wissenskongress, Vortragsabend im Ratskeller
  • 21. März, ab 10 Uhr: Infostand unseres Bündnisses, Fußgängerzone
  • 22. März, ab 9:30 Uhr: Demo, Start am Rathausplatz

Wittener Bürger: kommt zahlreich und zeigt Flagge gegen die rechtspopulistischen Verschwörungstheoretiker des „„Alternativen Wissenskongress““!

Der Philosoph Hans Blumenberg vergleicht den Begriff mit einer Falle. Die Falle muss so genau gebaut sein, dass eine bestimmte Art Tier mit ihr gefangen werden kann und andere nicht – man denke an das Problem des Beifanges durch Fischernetze – sie muss aber gleichzeitig so ungenau gebaut sein, dass jedes Tier der gewünschten Art mit ihr gefangen werden kann. Unabhängig davon, ob die Maus finger- oder faustgroß ist, die Schlagfalle soll zuschlagen, wie sie gleichzeitig beim Haushund nicht zuschlagen darf. Eben dieses muss der Begriff auch leisten. Er umfasst in seiner impliziten Beschreibung, wie etwas ist und, auch das ist wichtig, wie etwas eben nicht ist. In der Bestimmung läuft das Ganze dann genau anders herum. Etwas ist in einer bestimmten Weise und nicht anders, und deshalb geben wir ihm diesen und nicht jenen Begriff.

Die von Blumenberg formulierte Erkenntnis ist keine neue, dass man einen bestimmten Kriterienkatalog erfüllen muss, um sich unter einen Begriff zu subsumieren, ist klar. Genauer: Sollte klar sein. Ist es aber zunehmend weniger. Ein inzwischen klassisches Beispiel wäre das der Mode, die einen bestimmten massentauglichen Style zur Individualisierung schlechthin erklärt, was paradoxerweise darin mündet, dass wir alle gleich individuell aussehen und mithin den versprochenen Begriff überhaupt nicht mehr erfüllen.

Ein weiteres Beispiel ist der berühmt gewordene Satz: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…“. Das aber versammelt in diesem Zusammenhang meist Vorurteile und die Forderung, das Asylantenheim doch irgendwo anders zu bauen. Auf den Punkt gebracht lautet der vollendete Satz also: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ich habe etwas gegen Ausländer.“ Ein logischer Widerspruch, das ist offensichtlich. Der Mensch, der einen solchen Satz sagt, hat etwas gegen Ausländer. In aller Deutlichkeit: Er hält sich für besser als „die“, ist ein Deutschnationaler, wenn nicht sogar ein Nazi. Diese Feststellung, wird, von durch Journalisten oder Gegendemonstrationen angesprochenen Menschen vehement zurückgewiesen. Der Begriff ist zu negativ konnotiert. Niemand will sich mit Nationalsozialisten unter dem gleichen Begriff versammelt sehen. Fakt ist jedoch, dass es sich nicht bloß um eine willkürliche Zuschreibung, sondern vielmehr um eine Induktion handelt. Den Schluss von bestimmten erfüllten Kriterien auf einen Begriff, der diese Kriterien in sich vereint. Habe ich helles Haar, so bin ich blond, mithin nicht braunhaarig. Glaube ich an die Dreifaltigkeit, so bin ich Christ. Und habe ich etwas gegen Ausländer, unterstelle ich ihnen aufgrund ihrer Herkunft schlechte Eigenschaften, so bin ich Ausländerfeind, wenn nicht gar Nazi. Die Ablehnung eines Begriffes, bei gleichzeitiger Erfüllung seiner Kriterien, macht eine Diskussion unmöglich und, was viel wichtiger ist, sie macht eine Selbstreflexion ungleich schwerer. Ein Mensch, der nicht bereit ist, zu erkennen, anzuerkennen wer und was er ist, wozu er durch sein Verhalten und sein Denken wird, der kann sich auch nicht verändern, wird immer auf der Stelle treten.

Am 22. März 2015 wird im Wittener Saalbau der „Alternative Wissenskongress“ stattfinden – zur letzten Steigerung, der „Alternativen Wahrheit“, fehlte wohl der Mut. Paradox genug ist der Begriff auch so bereits. Auf der Internetseite kreiden die Veranstalter einen Untergang der Diskussionskultur in unserem Land an, ein Mainstream, der nicht die Mehrheit sei, versuche die Machtverhältnisse im Land zu zementieren. Diese Art zu denken ist nicht neu, auch Thilo Sarrazin vertritt diese These. Meinungsfreiheit, so der Autor, gäbe es in Deutschland nicht mehr. Der mediale Shitstorm gegen sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ habe das gezeigt. Eine Phrase, der sich Rechtspopulisten gern bedienen. Meinungsfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung. Jeder darf sagen, was er will, zu jedem Thema. Doch Meinungsfreiheit, ist noch mehr als das: Meinungsfreiheit ist auch die Freiheit der Kritik, die Freiheit einen Zustand oder eine Aussage zu hinterfragen, als falsch zu deklarieren – die Freiheit der Debatte, der Kern unserer Demokratie. Kritik an Thilo Sarrazin, wie auch Kritik an der Bundesregierung, oder Kritik an irgendetwas anderem, ist keine Beschneidung der Meinungsfreiheit, sie ist die Meinungsfreiheit selbst. Und Kritik an Kritik, in der Form Sarrazins oder der Veranstalter des „Alternativen Wissenskongresses“, ist nicht Verteidigung der Meinungsfreiheit, sondern ein Frontalangriff auf diese – auf unser höchstes Gut. Sie ist eine perverse Verkehrung des Begriffes in sein Gegenteil.

Ein altes, vermutlich fernöstliches Sprichwort besagt: „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“

Ein wenig Achten auf unsere Gedanken, Worte und Handlungen würde unserem Land gut tun. Ein wenig Nachdenken über Begriffe und ihre Bedeutung wohl auch. Sollten Sie in ihrem Nachdenken, liebe Leserin, lieber Leser, zu dem Schluss kommen, dass Meinungsfreiheit ein hohes, schützenswertes Gut ist, dass unser aller Recht auf Kritik am Nächsten, gewahrt und der Begriff, der bleiben sollte, der er ist, so sind Sie, am 22.03.2015 ab 9:30 Uhr auf dem Rathausplatz und später vor dem Saalbau herzlich eingeladen ihre Stimme zu erheben, gegen Vergewaltiger des Wortes, Umwerter unserer Begriffe – auf dass die Falle des Begriffes eine scharfe, freiheitliche bleibt und nicht der Begriff die Falle unserer Freiheit wird.

Am 22. März 2015 soll im Wittener Saalbau der „1. Alternative Wissenskongress NRW” stattfinden. Das Problem: Für ein alternatives Wissen gibt es leider keine alternativen Fakten. Und so verbirgt sich hinter dem Titel wie zu erwarten eine Veranstaltung, bei der vier Referenten auftreten, die regelmäßig durch ein Weltbild auffallen, das mit der Realität wenig zu tun hat. Sie erklären die Ereignisse in der Welt stattdessen mit Verschwörungstheorien, die strukturell antisemitische, fremdenfeindliche und rechtsextreme Elemente enthalten.

Ursprünglich wurde diese Veranstaltung von den NRW-Beziksverbänden der AfD angemeldet und beworben. Nachdem aber selbst AfD-Sprecher Bernd Lucke die geladenen Referenten zu peinlich wurden, er sie als „Verschwörungstheoretiker und Wirrköpfe” bezeichnete und davon abriet die Veranstaltung zu besuchen, wurde sie nicht etwa abgesagt, sondern firmierte um: nun wird der „Kongress” offiziell von einem eilig gegründeten Verein veranstaltet, hinter dem sich aber nach wie vor führende Parteifunktionäre der AfD in NRW verbergen.

Der Rat der Stadt Witten hat sich bereits am 26. Januar offiziell per Ratsbeschluss von der Veranstaltung distanziert: SPD, CDU, B`90/Grüne, bürgerforum, Die LINKE, FDP, PIRATEN, WBG, Witten Direkt und AUF Witten stimmten geschlossen für diesen Antrag. Einzig die rechtsextreme Pro NRW stimmte dagegen, was ein weiterer Beleg für die Ausrichtung des Alternativen Wissenskongresses ist.

Der Kongress wird stattfinden, der Saalbau mit seinen 800 Plätzen ist vermietet und der Vertrag muss nun vom Kulturforum leider eingehalten werden. Wir Wittener werden aber zeigen, dass wir es nicht zulassen, das diese aufgeladenen Realitätsverzerrer ihr stark vereinfachtes, fremdenfeindliches Weltbild hier ungestört zur Schau stellen können!

Witten gegen Antisemitismus,
Witten gegen Rechtspopulismus,
Witten gegen Chemtrailspinner und Aluhüte,
Witten gegen Verschwörungswahn!

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