Der Philosoph Hans Blumenberg vergleicht den Begriff mit einer Falle. Die Falle muss so genau gebaut sein, dass eine bestimmte Art Tier mit ihr gefangen werden kann und andere nicht – man denke an das Problem des Beifanges durch Fischernetze – sie muss aber gleichzeitig so ungenau gebaut sein, dass jedes Tier der gewünschten Art mit ihr gefangen werden kann. Unabhängig davon, ob die Maus finger- oder faustgroß ist, die Schlagfalle soll zuschlagen, wie sie gleichzeitig beim Haushund nicht zuschlagen darf. Eben dieses muss der Begriff auch leisten. Er umfasst in seiner impliziten Beschreibung, wie etwas ist und, auch das ist wichtig, wie etwas eben nicht ist. In der Bestimmung läuft das Ganze dann genau anders herum. Etwas ist in einer bestimmten Weise und nicht anders, und deshalb geben wir ihm diesen und nicht jenen Begriff.

Die von Blumenberg formulierte Erkenntnis ist keine neue, dass man einen bestimmten Kriterienkatalog erfüllen muss, um sich unter einen Begriff zu subsumieren, ist klar. Genauer: Sollte klar sein. Ist es aber zunehmend weniger. Ein inzwischen klassisches Beispiel wäre das der Mode, die einen bestimmten massentauglichen Style zur Individualisierung schlechthin erklärt, was paradoxerweise darin mündet, dass wir alle gleich individuell aussehen und mithin den versprochenen Begriff überhaupt nicht mehr erfüllen.

Ein weiteres Beispiel ist der berühmt gewordene Satz: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…“. Das aber versammelt in diesem Zusammenhang meist Vorurteile und die Forderung, das Asylantenheim doch irgendwo anders zu bauen. Auf den Punkt gebracht lautet der vollendete Satz also: „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ich habe etwas gegen Ausländer.“ Ein logischer Widerspruch, das ist offensichtlich. Der Mensch, der einen solchen Satz sagt, hat etwas gegen Ausländer. In aller Deutlichkeit: Er hält sich für besser als „die“, ist ein Deutschnationaler, wenn nicht sogar ein Nazi. Diese Feststellung, wird, von durch Journalisten oder Gegendemonstrationen angesprochenen Menschen vehement zurückgewiesen. Der Begriff ist zu negativ konnotiert. Niemand will sich mit Nationalsozialisten unter dem gleichen Begriff versammelt sehen. Fakt ist jedoch, dass es sich nicht bloß um eine willkürliche Zuschreibung, sondern vielmehr um eine Induktion handelt. Den Schluss von bestimmten erfüllten Kriterien auf einen Begriff, der diese Kriterien in sich vereint. Habe ich helles Haar, so bin ich blond, mithin nicht braunhaarig. Glaube ich an die Dreifaltigkeit, so bin ich Christ. Und habe ich etwas gegen Ausländer, unterstelle ich ihnen aufgrund ihrer Herkunft schlechte Eigenschaften, so bin ich Ausländerfeind, wenn nicht gar Nazi. Die Ablehnung eines Begriffes, bei gleichzeitiger Erfüllung seiner Kriterien, macht eine Diskussion unmöglich und, was viel wichtiger ist, sie macht eine Selbstreflexion ungleich schwerer. Ein Mensch, der nicht bereit ist, zu erkennen, anzuerkennen wer und was er ist, wozu er durch sein Verhalten und sein Denken wird, der kann sich auch nicht verändern, wird immer auf der Stelle treten.

Am 22. März 2015 wird im Wittener Saalbau der „Alternative Wissenskongress“ stattfinden – zur letzten Steigerung, der „Alternativen Wahrheit“, fehlte wohl der Mut. Paradox genug ist der Begriff auch so bereits. Auf der Internetseite kreiden die Veranstalter einen Untergang der Diskussionskultur in unserem Land an, ein Mainstream, der nicht die Mehrheit sei, versuche die Machtverhältnisse im Land zu zementieren. Diese Art zu denken ist nicht neu, auch Thilo Sarrazin vertritt diese These. Meinungsfreiheit, so der Autor, gäbe es in Deutschland nicht mehr. Der mediale Shitstorm gegen sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ habe das gezeigt. Eine Phrase, der sich Rechtspopulisten gern bedienen. Meinungsfreiheit, das Recht auf freie Meinungsäußerung. Jeder darf sagen, was er will, zu jedem Thema. Doch Meinungsfreiheit, ist noch mehr als das: Meinungsfreiheit ist auch die Freiheit der Kritik, die Freiheit einen Zustand oder eine Aussage zu hinterfragen, als falsch zu deklarieren – die Freiheit der Debatte, der Kern unserer Demokratie. Kritik an Thilo Sarrazin, wie auch Kritik an der Bundesregierung, oder Kritik an irgendetwas anderem, ist keine Beschneidung der Meinungsfreiheit, sie ist die Meinungsfreiheit selbst. Und Kritik an Kritik, in der Form Sarrazins oder der Veranstalter des „Alternativen Wissenskongresses“, ist nicht Verteidigung der Meinungsfreiheit, sondern ein Frontalangriff auf diese – auf unser höchstes Gut. Sie ist eine perverse Verkehrung des Begriffes in sein Gegenteil.

Ein altes, vermutlich fernöstliches Sprichwort besagt: „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf Deine Worte, denn sie werden zu Handlungen. Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden zu Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.“

Ein wenig Achten auf unsere Gedanken, Worte und Handlungen würde unserem Land gut tun. Ein wenig Nachdenken über Begriffe und ihre Bedeutung wohl auch. Sollten Sie in ihrem Nachdenken, liebe Leserin, lieber Leser, zu dem Schluss kommen, dass Meinungsfreiheit ein hohes, schützenswertes Gut ist, dass unser aller Recht auf Kritik am Nächsten, gewahrt und der Begriff, der bleiben sollte, der er ist, so sind Sie, am 22.03.2015 ab 9:30 Uhr auf dem Rathausplatz und später vor dem Saalbau herzlich eingeladen ihre Stimme zu erheben, gegen Vergewaltiger des Wortes, Umwerter unserer Begriffe – auf dass die Falle des Begriffes eine scharfe, freiheitliche bleibt und nicht der Begriff die Falle unserer Freiheit wird.

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